Weg von China? Einfach gesagt. Aber wohin eigentlich?

Blogbeitrag von Lutz Berners über die Alternativen zur Abhängigkeit von China

Weg von China? Einfach gesagt. Aber wohin eigentlich?

Viele mittelständische Unternehmen beschäftigen sich aktuell mit derselben Frage: Wie können wir unsere Abhängigkeit von China reduzieren?

Auslöser gibt es genug:

  • Exportkontrollen für Seltene Erden
  • geopolitische Spannungen
  • steigende Transport- und Energiekosten
  • Diskussionen über Resilienz und strategische Souveränität
  • zunehmende Unsicherheit bei Lieferzeiten und Genehmigungen

In Gesprächen mit Einkaufsleitern und Geschäftsführern höre ich häufig denselben Satz:

„Wir müssen uns breiter aufstellen.“

Das Problem beginnt meist direkt danach. Denn die entscheidende Frage lautet: Woher sollen die Alternativen eigentlich kommen?

 

Viele Lieferketten enden trotz Diversifizierung wieder in China

Gerade bei strategischen Produkten wie:

  • Permanentmagneten
  • Batteriematerialien
  • Elektronikkomponenten
  • Vorprodukten für Elektromobilität
  • Seltenen Erden

zeigt sich in der Praxis ein wiederkehrendes Muster: Der direkte Lieferant sitzt vielleicht in Vietnam, Indien oder Osteuropa. Die Rohstoffe, Vorprodukte oder Maschinen kommen jedoch weiterhin aus China.

Das bedeutet: Die Lieferkette wirkt auf dem Papier diversifiziert — die Abhängigkeit bleibt jedoch bestehen.

Ein Beispiel aus der Praxis:

Mehrere europäische Unternehmen haben zuletzt versucht, Magnetlieferungen außerhalb Chinas aufzubauen. In vielen Fällen stellte sich heraus:

  • Die Rohmaterialien wurden weiterhin in China raffiniert.
  • Die Produktionsanlagen stammten aus China.
  • Kritische Pulver oder Vorprodukte kamen ebenfalls von chinesischen Herstellern.

Die eigentliche Abhängigkeit hatte sich also lediglich verschoben — nicht reduziert.

 

Warum das für Mittelständler zum Problem wird

Großkonzerne können eigene Lieferantenstrukturen aufbauen, langfristige Rohstoffverträge abschließen oder Produktionskapazitäten absichern. Der klassische Mittelstand hat diese Möglichkeiten oft nicht.

Gleichzeitig steigen die Risiken:

  • kurzfristige Exportbeschränkungen
  • volatile Preise
  • längere Lieferzeiten
  • zusätzliche Dokumentationspflichten
  • politische Eingriffe in Handelsströme

Besonders kritisch wird das bei Unternehmen, die selbst Teil internationaler Lieferketten sind. Wenn Komponenten fehlen, steht nicht nur der eigene Einkauf unter Druck — sondern häufig die gesamte Kundenbeziehung.

 

Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten

In vielen Projekten sehe ich aktuell vier Maßnahmen, die mittelständischen Unternehmen tatsächlich helfen:

 

1. Die eigene Lieferkette ehrlich analysieren

Viele Unternehmen kennen ihre direkten Lieferanten — aber nicht die vorgelagerten Abhängigkeiten.

Die entscheidenden Fragen lauten:

  • Woher kommen Rohstoffe und Vorprodukte wirklich?
  • Welche Teile der Wertschöpfung hängen an China?
  • Welche Komponenten wären kurzfristig kritisch?

Ohne diese Transparenz bleibt Resilienz reine Theorie.

 

2. Kritische Komponenten priorisieren

Nicht jede Schraube ist strategisch relevant.

Unternehmen sollten identifizieren:

  • Welche Materialien oder Komponenten produktionskritisch sind
  • Welche davon schwer ersetzbar sind
  • Wo Genehmigungen, Exportkontrollen oder lange Vorlaufzeiten problematisch werden können

Gerade bei Magneten, Elektronik und Spezialmaterialien wird das zunehmend entscheidend.

 

3. Lieferanten nicht nur nach Preis bewerten

Der günstigste Anbieter ist nicht automatisch der sicherste.

Aktuell trennt sich der Markt zunehmend in zwei Gruppen:

  • Lieferanten mit stabilen Prozessen, belastbarer Dokumentation und guter regulatorischer Vorbereitung
  • und Anbieter, die bei neuen Anforderungen schnell an Grenzen stoßen

Gerade bei China-Geschäften wird die Fähigkeit zur Exportabwicklung immer wichtiger.

 

4. Puffer und Alternativen realistisch planen

Viele Unternehmen haben ihre Lieferketten jahrelang maximal effizient aufgebaut.

Die Realität verändert sich jedoch: Effizienz allein reicht nicht mehr.

In bestimmten Bereichen können zusätzliche Lagerbestände, Zweitlieferanten oder alternative Materialstrategien sinnvoller sein als die letzte Preisoptimierung.

 

Fazit

Die Diskussion über „Weg von China“ wird häufig zu einfach geführt.

In der Realität geht es nicht darum, China kurzfristig zu ersetzen. Dafür sind viele industrielle Abhängigkeiten bereits zu tief.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin:

  • Risiken besser zu verstehen,
  • kritische Lieferketten transparenter zu machen
  • und dort gezielt resilienter zu werden, wo es wirklich notwendig ist.

Gerade für mittelständische Unternehmen wird das in den kommenden Jahren zu einer strategischen Kernfrage.

Denn Lieferketten sind längst nicht mehr nur Einkaufsthema — sondern Teil der Unternehmenssicherheit.

Berners Consulting GmbH unterstützt Unternehmen bei der Analyse internationaler Lieferketten, strategischer Beschaffung und China-bezogener Industrie- und Rohstoffthemen.

 

Zum Autor Lutz Berners:

Als Internationalisierungsexperte hat Lutz Berners seit Gründung der Berners Consulting GmbH im Jahr 2009 über 100 Internationalisierungsprojekte für mittelständische und große Unternehmen im In- und Ausland begleitet. Sein Team betreut fortlaufend Lieferketten für mehrere mittelständische Unternehmen, einige davon seit über einem Jahrzehnt.

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